Auslegung der Monatssprüche

Gottes größte Leidenschaft
sind wir Menschen!

Im Reformationsjahr: Luther kommt zu Wort

Im Reformationsjahr 2017 lassen wir in unserem Kalender Martin Luther selbst zu Wort kommen. Auf jedem Monatsblatt findet sich ein Zitat des Wittenberger Reformators, jeweils passend bebildert mit
einem Motiv aus Freiburg und Umgebung.

Ergänzend dazu bieten wir Ihnen eine Neuheit: Zum Luther-Wort für den laufenden Monat finden Sie hier ab dem 1. Januar 2017 eine Auslegung. Lassen Sie sich überraschen und inspirieren!

 


Dezember

Ein Geschenk, das ewig bleibt

Lieber Martin Luther,

ich schreibe Dir heute diesen Brief, weil ich mich bedanken möchte, dass Du das Wunder der Geburt Jesu in Worte gefasst hast, die tiefgreifender nicht sein könnten.

Ich bin davon überzeugt, dass man das Wertvollste und Wichtigste im Leben geschenkt bekommt – ganz unverdient, nur aus Gnade. Und ich weiß, dass gerade diese Erfahrung Dein ganzes Leben geprägt hat.

Ja, das Wertvollste und Wichtigste im Leben bekommt man geschenkt. Niemals werde ich dieses einzigartige Erlebnis vergessen, als unsere Kinder zur Welt gekommen sind. Jahre sind seitdem vergangen, aber noch immer spüre ich diese tiefe Dankbarkeit und Freude in mir. Der Augenblick, in dem ich wusste: Meine Frau war bewahrt geblieben in den schwierigen Stunden der Geburt. Der Moment, in dem ich das Neugeborene zum ersten Mal in meinen Armen halten durfte. Was für ein unbeschreibliches Glück war das, was für ein unvergleichliches Geschenk. Alle Sorgen und Ängste schienen mit einem Mal verflogen.

Es ist gewiss wahr: Das Leben ist Geschenk – immer und immer wieder neu. Du und Käthe, Ihr kennt das ja sicher auch von Euren Kindern. An einem Neugeborenen wird einem dieses Beschenktsein noch einmal in ganz besonderer Weise bewusst. Das Wertvollste und Wichtigste im Leben bekommt man geschenkt – seien es Glück und Freude, Gesundheit und Frieden, auch die Familie und Freunde - oder eben ein Kind. Jedes Mal, wenn die Geburt über-standen war und ich anderen von unserem großen Glück erzählen wollte, hat mich dieses Geschenk Gottes so tief angerührt, dass es mir im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlug.

Manchmal stelle ich mir vor, wie das damals wohl im Stall von Bethlehem gewesen sein muss. Bestimmt haben Maria und Josef dieses Glück auch empfunden, als sie den kleinen Jesus zum ersten Mal auf ihre Arme genommen haben. Bestimmt haben auch sie gedacht: Was für ein Geschenk! Und zumindest für ein paar Augenblicke standen da die Sorgen und die schwierigen Umstände einmal nicht im Vordergund: Die beschwerliche Reise nach Betlehem, die verzweifelte Suche nach einer Herberge, die Ungewissheit darüber, was die Zukunft bringen wird. Wenn ich mich recht erinnere, lieber Martin, waren „unsichere Zeiten“ ja auch immer wieder Dein großes Thema. Bei Maria und Josef kann ich mir gut vorstellen, dass ihr Kind mit einem Mal alle Sorgen und alle Nöte über-strahlt hat.

Da, wo ein Mensch sich von Gott beschenkt weiß, kann die Freude so groß werden, dass sogar ärgerliche oder beschwerliche Umstände in den Hintergrund treten müssen – davon bin ich überzeugt.

Wenn ich die Erzählung, wie sie uns der Evangelist Lukas überliefert hat, nur oberflächlich betrachte, dann hat es sich damals in Betlehem um eine armselige Geburt gehandelt – nichts mehr und nichts weniger. Ein Kind kommt in einem Stall zur Welt. Und die ersten, die davon Notiz nehmen, sind nur ein paar schäbige Vagabunden, Außenseiter ihrer Zeit, denen im Leben vermutlich auch noch nicht viel „geschenkt“ worden ist (übrigens: Ein großes Lob für die eingängigen Worte, die Du in Deiner Übersetzung gefunden hast!).
 
Betrachte ich die Geschichte aber genauer, dann lese ich, dass allen, die damals dort waren in dem ärmlichen Stall, klar geworden ist: Dieses Kind ist nicht nur ihnen geschenkt worden. Es hat eine viel größere Bedeutung. Gott will mit ihm die ganze Welt beschenken. Gott schenkt seine himmlische Herrlichkeit her. Der Schöpfer der Welt kommt selbst zur Welt. Er wird Mensch. Er will unter den Menschen sein, sein Leben mit ihnen teilen. So weit geht seine Liebe, dass Gott sich selber zum Geschenk macht.

Vielleicht, lieber Martin, vielleicht hast Du Dich ja auch irgendwann schon einmal gefragt, wie „sinnvoll"  das überhaupt war. Oder ob es nicht pure Unvernunft ist, was Gott da in Betlehem gemacht hat. Seine himmlische Herrlichkeit tauscht er gegen einen heruntergekommenen, stinkenden Stall. Vernünftig geht doch anders, oder? Da kommt Gott – fürs Erste betrachtet – schon ziemlich schlecht weg bei diesem Tausch; zumindest, wenn man die Maßstäbe dieser Welt anlegt.

Mit dem zweiten Blick aber wird manches klarer: Gottes Liebe rechnet nicht. Gottes Liebe fragt nicht nach dem Preis. Gottes Geschenk ist grenzenlos groß. Oder um es mit den Worten aus einem Deiner Weihnachtslieder zu sagen: „Das alles hat ER uns getan, / sein groß Lieb zu zeigen an. / Des freu sich alle Christenheit / und dank ihm des in Ewigkeit. / Kyrieleis.“ Von Anfang an hat diese Liebe Menschen verändert. Menschen haben gemerkt: „Ich bin Gott etwas wert! Dass es mich gibt, macht einen Unterschied für ihn. Ich bin Gott wichtig!“ Beschenkt mit dieser Erfahrung konnten sie dann getrost ins Leben gehen.

Ich finde es deshalb durchaus richtig, dass auch wir uns heute noch Geschenke machen an Weihnachten – wenn in unseren Tagen vermutlich auch deutlich größere, als es zu Deiner Zeit üblich war. Ja, ich finde, Weihnachten hat mit Schenken zu tun – vor allem mit Beschenktwerden. Gott macht sich selbst zum Geschenk für mich. Ich bin Gott alles andere als egal! Das lese ich heraus aus Deinem Satz und das will ich mir auch gesagt sein lassen. Gott macht sich selbst zum Geschenk für mich. Und ich lasse mich anstecken von seiner Liebe. Ich mache selbst Geschenke und bekomme dadurch andere Menschen in den Blick. Und weil eben Gottes Liebe nicht rechnet, kann auch ich das Aufrechnen weglassen und mich von anderen Gedanken leiten lassen. Worüber würde sich der Beschenkte besonders freuen? Vielleicht eher über etwas Symbolisches, denn viele haben doch schon alles, was sie täglich brauchen? Wie kann ich vielleicht sogar einen guten Anstoß weitergeben, der diesem Menschen in seiner momentanen Lage weiterhilft, seinen Glauben stärkt oder einfach nur zeigt: „Ich bin für Dich da“? Vielleicht durch einen ermutigenden Brief? Oder durch Zeit, die ich für einen anderen reserviere – und sei´s nur ein kurzer Augenblick. Solches Schenken und Beschenktwerden ist für mich ein echter Gegenentwurf zu einer Zeit, in der jede Leistung berechnet und fast alles nur noch in Geld ausdrückt wird.

Ja, lieber Martin, es ist wohl wahr: Das Wertvollste und Wichtigste im Leben bekommt man geschenkt. Deshalb freue ich mich auch in diesem Jahr wieder auf Advent und Weihnachten. Deshalb bin ich dankbar, dass ich über die Jahre meines Lebens schon so reich beschenkt bin und dass ich vielleicht auch anderen eine Freude machen kann – sei sie auch noch so klein. Ich will mir vornehmen, in jedes Geschenk Liebe und Sorgfalt zu packen. Denn so wird die Erinnerung an das größte Geschenk aller Zeiten wach gehalten und kann andere erreichen. Oder – wie du es gesagt hast: Jesu Geburt ist ein Geschenk, das ewig bleibt.

In dankbarer und herzlicher Verbundenheit,
Dein Siegbert Thoma

 


November

"Fürbitten heißt: Jemandem einen Engel senden."

Kennen Sie das auch? Da fällt Ihnen ein Wort ins Auge oder Ohr und dann direkt ins Herz. Ein Gedanke der Sie aufhorchen lässt, ins Nachdenken bringt. Worte, die genau das ausdrücken, was Sie denken, aber bisher nicht formulieren konnten. So ging es mir mit dem Lutherzitat zur Fürbitte.

Vor etlichen Jahren in einer persönlich sehr belastenden Lebensphase bekam ich Besuch von einer Freundin. Sie brachte nicht viel, und doch viel meh,r als alles andere. Es war eine kleine Karte, auf der stand: Fürbitten heißt: Jemandem einen Engel senden. Hinten drauf schrieb sie: „Denk an Euch!“. Das war kein frommer Spruch, keine Aufmunterung wie: „Gott wird es schon gut machen“, keine Vertröstung: „Das wird schon wieder.“ Das war echter Trost und Entlastung. Sie sagte nicht viel, war einfach da und zeigte mir, dass ich nicht alleine bin. Ein Besuch, der gut tat.

Die Fürbitte ist etwas unglaublich Kostbares, ein Privileg der Christen. Die Fürbitte verbindet uns Glaubende auf ganz besondere Weise miteinander und mit Christus. Ich selbst habe mich in schweren Zeiten getragen gefühlt durch die Fürbitte anderer. Insbesondere in Phasen, in denen ich an Gottes Führung gezweifelt habe und selbst nicht mehr beten konnte, war es mir wichtig zu wissen, dass Glaubensgeschwister für mich beten. Dieses Wissen nimmt Druck weg und macht frei. Ich darf schweigen, aus welchen Gründen auch immer, und es wird an meiner Stelle gebetet.

Luther schreibt weiter: „Fürbitten heißt, jemandem einen Engel senden. Wo wir gehen und stehen, sind wir zwischen Engeln und Teufeln. Um uns schützen zu können, haben sie lange Arme, damit sie mit Leichtigkeit Satan vertreiben.“ Die Fürbitte schickt diesen Engel auf den Weg. Wer Fürbitte hält, traut Gott und seinen Engeln mehr zu als den lebensfeindlichen Mächten, die uns mutlos machen und unser ganzes Sein einnehmen wollen.

Wer für andere betet, kommt auch aus dem „Teufelskreis“ der eigenen Sorgen heraus. Sein Blickwinkel wird erweitert. Er schaut nicht mehr auf sich selbst, sondern sieht die Not der Menschen in dieser Welt, und er richtet seinen Blick auf Gott. Fürbitte bringt doppelten Segen: in erster Linie für andere, dann aber auch für den Beter selbst. Das Gebet für andere Menschen ist insbesondere in den Situationen unersetzlich, wo wir mit unseren menschlichen Möglichkeiten am Ende sind. Immer und überall beten zu können ist ein Gottesgeschenk.

„Gebet ist Teilnahme an der Weltregierung Gottes“, sagt Martin Luther. Ist uns bewusst, welche Macht wir Beter haben?

Fürbitte braucht Gottvertrauen und einen langen Atem. Beides erlebe ich bei älteren Menschen, die mir Vorbild sind. Einer dieser Beter für mich und meine Familie hatte lange Listen mit Namen, die er täglich vor Gott brachte. Feste Zeiten und Rituale können uns da eine große Hilfe sein. Luther betete selbst drei Stunden täglich und meinte: „Je mehr Arbeit ich habe, desto mehr Zeit brauche ich für das Gebet.“ Gebetszeiten lassen sich aber auch wunderbar in den Alltag integrieren - beim Radfahren, im Stau, im Wartezimmer, wenn die Predigt zu lange geht, in schlaflosen Nächten und so weiter. Sicher ist: Wir befinden nie im Funkloch.

Tabea Ruhnau

 


Oktober

"Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt o Gott von Dir, wir danken dir dafür!"

Mit dem Tischgebet ist es so eine Sache bei uns zu Hause. Besonders, wenn der Braten duftet, die Mägen knurren und das Wasser im Mund zusammen läuft. Dann passiert es nicht nur den Kindern, dass sie nicht mehr warten wollen...

Und dann das Tischgebet. Oft als lästige Verzögerung empfunden. Ein schnell heruntergerasseltes Ritual. Und los geht’s...! Immerhin: Damit nicht schon während des Gebetes losgefuttert wird, haben wir eingeführt, dass alle am Tisch reihum einen Teil des Gebetes sprechen. Und tatsächlich ist dieses Gebet bei uns in aller Regel jenes, von dem ich seit dem Aussuchen des Kalender-Spruchs für den Oktober 2018 weiß, dass es von Martin Luther höchstselbst stammt.

Was hat es mit dem Beten vor dem Essen auf sich? Muss Christ das? Ist es unanständig und undankbar, darauf zu verzichten? Bedeutet es etwas oder ist es nur ein leeres Ritual? Das muss wohl jede und jeder für sich selbst beantworten.

Für mich kann ich sagen: Ja, es ist ein Ritual. Ja, oft bin ich kaum bei der Sache. Und manches Mal war ich unsicher, ob ich jetzt gebetet habe oder nicht. Aber: Ich schätze es, vor dem Essen zu beten. Es ist kein leeres, sondern ein wertvolles Ritual. Eine gute Gewohnheit. Wie eine Sternschnuppe nur kurz am Nachthimmel aufleuchtet, so ist das Tischgebet ein kurzes Aufleuchten einer anderen Dimension mitten in der Oberflächlichkeit des Alltags. Es lässt mich kurz anhalten. Es erinnert mich an den größeren Zusammenhang des Essens auf meinem Tisch. Und auch an den größeren Zusammenhang meines Lebens. Da ist einfach mehr als das, was ich sehe.

"Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt o Gott von Dir", formuliert Luther. In diesen wenigen Worten steckt hoch komprimiert so viel drin: Das Gute kommt von dem guten Gott. Mangel oder Schlechtes lässt er zu. Aber es kommt nicht von ihm. Er meint es gut mit mir, mit uns. Er ist das Leben und ihm verdanke ich mein Leben. Mit allem Drum und Dran. Und wenn ich bete "alles, was wir haben" dann brauch ich nur die Augen zu öffnen und sehe, wie viel ich habe. Die Salami und die Brezel, den Butter, den Salat, das Radler auf dem Tisch vor mir. Drumherum die lieben Menschen, die zu mir gehören, zu denen ich gehören darf. Meine Frau, die Kinder, Freunde. Meine Gesundheit. Und dann der Wohlstand, in dem ich leben darf. Die eigenen vier Wände, die Möbel und Bilder und all die Dinge, die mir wichtig sind. Und die Sicherheit, in der ich und wir alle in Deutschland leben können.

Gefühlt bin ich weder reich noch wunschlos glücklich, im Gegenteil, da steht noch manches auf der inneren Wunschliste. Luthers Gebet lenkt meine Aufmerksamkeit auf das Viele, was ich schon habe. Und das ist ganz sicher weit mehr als nur das "täglich Brot". Ein Moment der Dankbarkeit keimt auf, wenn ich mir das klar mache. Und immer wieder ist dann der letzte Satz des Gebetes mehr als nur eine eingeschliffene Redewendung, nämlich ein – wenn auch kleiner und kurzer – Akt der echten Dankbarkeit gegenüber meinem Gott. Er meint es wirklich gut mit mir! Vielleicht ist das Tischgebet die kürzeste Form einer Andacht.

Natürlich, das Essen wird nicht gesünder und schmeckt nicht anders nach dem Beten, der Teller wird nicht voller nach so einem Tischgebet. Trotzdem nützt das Beten etwas: Es verändert die Haltung, mit der ich esse. Ich esse genussvoller, bewusster, dankbarer.

Deshalb empfehle ich das Tischgebet. Nicht als fromme Pflicht und stumpfsinnige Frömmigkeitsübung. Aber als hilfreiche Gewohnheit, um die Dankbarkeit mitten im Alltag einzuüben. Probieren sie es aus!

Norbert Aufrecht

 


September

„Ich lese die Bibel, wie ich meinen Apfelbaum ernte: Ich schüttle ihn, und was runterkommt und reif ist, das nehme ich. Das andere lasse ich noch hängen.“

Martin Luther verwendet hier, wie es Jesus selbst auch oft getan hat, ein Bild aus der Landwirtschaft, um eine Empfehlung für den richtigen Umgang mit der Heiligen Schrift zu geben. Die Menschen seiner Zeit bekamen gerade erst die deutsche Übersetzung der Bibel in die Hand und mussten lernen, sie zu verstehen, ohne dass ihnen die Inhalte von der Kirche gefiltert und „vorgekaut“ wurden. Da war Luthers Vergleich mit dem Obstanbau sicher sehr hilfreich, denn damit kannten sich die Menschen  aus. Doch auch für heutige Leser und Leserinnen, die vielleicht keinen eigenen Garten mehr haben und noch nie einen Apfel vom Baum gepflückt haben, ist Luthers Vergleich zunächst gut verständlich. Beim zweiten Lesen tauchen dann aber doch ein paar Fragen auf.

Denn anders als beim Apfelbaum geht es bei der Bibel doch wohl weniger darum, dass die „Früchte“ selbst reifen müssen, denn die Bibel selbst verändert sich nicht. Ich verstehe es vielmehr so, dass der einzelne Leser für manche Aussagen der Bibel noch nicht bereit ist. Anders formuliert: Die Zeit, einen bestimmten Vers zu verstehen, sodass er uns berührt oder uns etwas bedeutet, ist manchmal einfach noch nicht reif. Dann heißt es geduldig warten.

Wir können, ebenso wie der Obstbauer, nichts erzwingen. Er kann das Wachstum fördern, indem er den Boden düngt, den Baum beschneidet und die Pflanzen vor schädlichen Einflüssen bewahrt, aber dennoch braucht er viel Geduld, bis die Früchte reif sind. Ob ein Frost die Blüten erfrieren lässt oder eine Dürre dem Baum das Wasser nimmt, liegt nicht in seiner Hand. Und am Ende kann ihm ein Unwetter die Ernte verhageln, sodass er mit leeren Händen dasteht. Dennoch wird er nicht die unreifen Früchte pflücken, denn dann verderben sich bloß alle den Magen. Und er nimmt sich die Chance auf eine reiche Ernte süßer Früchte.

Genauso können wir versuchen, durch regelmäßiges Lesen in der Bibel, durch Gespräche, durch das Hören von Predigten oder das Lesen von Auslegungen unser Verständnis der Schrift zu fördern. Dazu gehört auch, die Bibel kräftig zu „schütteln“. Wir müssen sie nicht mit Samthandschuhen anfassen, in Ehrfurcht erstarren und alles hinnehmen, was sie uns zumutet. Wir dürfen ihre Aussagen kritisch hinterfragen, uns über Unverständliches ärgern und zugeben, dass uns manches sauer aufstößt.

Wir müssen damit leben, dass sich manches für uns erst dann erschließen wird, wenn die Zeit reif ist. Das kann vielleicht nach einem Umzug oder Jobwechsel sein, wenn uns eine Krankheit trifft oder wenn das erste Kind geboren wird. Aber auch ohne äußeren Grund, durch das Wirken des Geistes, kann uns ein Licht aufgehen. Irgendwann werden wir die Früchte unserer Geduld ernten, ihre Süße schmecken und sie für uns bewahren. Ganz wichtig ist, dass wir nicht nach dem ersten Schütteln aufgeben, sondern dranbleiben und es immer wieder versuchen! Denn sonst kann es uns passieren, dass wir den richtigen Zeitpunkt verpassen. Dann bleibt die Ernte, die uns hätte ernähren können, als „Fallobst“ liegen und verfault ungenutzt.

Dass sich die Heilige Schrift für den Leser nur nach und nach erschließt, dass manches schnell reift und wir anderes erst nach Jahren verstehen,  ist, so finde ich, eine gute Sache. Denn wenn alles gleichzeitig reif würde: Könnten wir diese Fülle bewältigen und sinnvoll verarbeiten? Da ist es doch besser, die Früchte nach und nach genießen zu dürfen - ohne zu hungern und ohne sich zu „überfressen“.

Ruth Franzen

 


August

"Mit jedem Kind, das dir begegnet, ertappst du Gott auf frischer Tat."

Gemeinsam mit meiner Frau hatte ich einige Jahre lang ein Patenkind auf den Philippinen. Rachel war nie das süße Patenkind, wie man es sich romantischerweise vorstellt. Im Jahr 1993 geboren, war sie schon volljährig, als wir sie in einem Kinderheim in Cebu City kennenlernten. Damit war sie eigentlich zu alt für eine Patenschaft, von der kognitiven Entwicklung her ist sie aber auf dem Stand einer Zwölfjährigen, und das wird sich voraussichtlich auch nicht ändern. Sie wuchs in einer zerrütteten Familie auf und wurde bereits in der frühen Kindheit schlimm misshandelt. Mutter und Vater waren alkoholabhängig, ihre Lebensumstände in einem der vielen slum-ähnlichen Distrikte Cebu Citys schlicht menschenunwürdig. Geblieben sind ihr aus dieser Zeit schlimme Verletzungen – innerlich wie äußerlich. Glücklicherweise wurden sie und ihre kleine Schwester von einer christlichen Organisation „gefunden“ und in deren Kinderheim aufgenommen. Dort konnten sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten eine Schule besuchen, wurden kindgerecht versorgt und konnten anfangen, eine wenigstens halbwegs normale und geschützte Kindheit zu genießen.

Für mich ist so eine Lebensgeschichte unvorstellbar. Ich bin in einer intakten Familie behütet aufgewachsen und kann nicht behaupten, dass es mir je an etwas gemangelt hätte – weder materiell noch emotional.

Seit vielen Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit. Die Liebe für Kinder ist für mich normal und ihr Wohlergehen ist nicht diskutabel. Das ist aber offensichtlich nicht überall so: Auf der ganzen der Welt und zu jeder Zeit erleiden kleine Menschen Unheil. Kinder, die beispielsweise in Syrien, in der Ukraine oder im Südsudan in Krieg, Leid und auf der Flucht aufwachsen. Kinder, die im Kongo oder in Bangladesch größte Armut erleiden müssen. Und Kinder, die in Deutschland, Frankreich oder auch überall sonst auf der Welt von niemandem die Liebe, Fürsorge und Aufmerksamkeit bekommen, die sie brauchen.

Dabei ist es doch genau so, wie es das Zitat ausdrückt, das Martin Luther zugesprochen wird: Gottes unglaubliche Kreativität, seine Macht und seine Liebe werden deutlich, wenn wir Kindern begegnen. Die Entwicklung von buchstäblich nichts zu einem lebendigen, lauten, fröhlichen und herumspringenden Wesen verblüfft mich jedes Mal aufs Neue. Es stimmt: Wir können Gott auf frischer Tat ertappen, wenn wir in die zahlreichen Kinderaugen blicken, die uns jeden Tag begegnen. Wir können etwas von Gottes Sinn für das Schöne entdecken, wenn wir glückliche Kinder dabei beobachten, wie sie sorgenfrei und mit kindlichem Vertrauen in den Tag leben können.

Es stimmt aber auch, dass nicht alle Kinder einen fröhlichen Blick haben, wenn man sie anschaut. Nicht alle Kinder sind sorgenfrei und nicht alle Kinder haben noch Kindliches in sich. Viele Kinder auf dieser Welt sind gebrochen, zu früh erwachsen geworden oder von schlimmen Erinnerungen und Schmerzen gezeichnet. Wir wollen auch diese Kinder nicht vergessen, während wir uns über diejenigen erfreuen, die sich wegen oder trotz ihrer Lebensumstände eine tiefe Freude bewahrt haben. Eine Freude, die es uns erlaubt, Gott und seine Liebe für seine kleinen aber auch für seine erwachsenen Kinder auf frischer Tat zu ertappen.

Tobias Adler

 


Juli

"Ein ruhiger Schlaf kann von mehr Gottvertrauen zeugen als ein hastiges Gebet."

Wann haben Sie das letzte Mal so richtig tief und gut geschlafen?
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich schlafe immer dann besonders gut, wenn ich meine Umgebung kenne, mich wohlfühle und gerade keine belastenden und größeren Entscheidungen oder Projekte anstehen.
Doch auch sonst kann ich mich in der Regel über meinen Schlaf nicht beklagen. Ich weiß, dass es da vielen anders geht. Gerade wenn man zur Ruhe kommt, kommen einem häufig unruhige Gedanken, vielleicht sogar quälende Sorgen oder auch nur unerledigte Aufgaben in den Sinn. Um dennoch Schlaf zu finden, suchen viele selbst während des Einschlafens nach Ablenkung und verschaffen sich diese  z.B. durch Fernsehen oder Hörspiele.
Bei meiner Arbeit in der Bahnhofsmission hörte ich schon öfter  Aussagen wie „Ich habe seit drei Tagen nicht geschlafen“ von Menschen, die nicht wissen, wohin, und keinen Ort der Ruhe finden können.
 
Wir schlafen nur dann besonders gut, wenn wir uns sicher und geborgen fühlen. Ein solcher Ort der Ruhe möchte Jesus sein. Im Matthäus-Evangelium fordert er uns auf: „Kommt her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet. Ich werde euch Ruhe geben“ (Matth. 11, 28). Mir gelingt es jedoch gerade im stressigen Alltag oft nicht, dieser Aufforderung nachzukommen. Es sind dann viel eher hastige Gebete, die ich an Gott richte. Erst in Situationen, in denen ich an meine Grenzen stoße, keinen Ausweg sehe, etwas nicht schaffen oder beeinflussen kann, gelingt es mir, mich an Gott zu wenden und ihm meine Sorgen zu überlassen.
Das Wissen, dass für Gott nichts unmöglich ist, er darüber steht und das von mir Geleistete in gute Wege führen kann, beruhigt mich. Ich fühle mich geborgen und schlafe dann ruhig und voller Vertrauen ein.

Warum gelingt mir das häufig nur, wenn ich selbst an Grenzen gestoßen bin? Mir geht es da vielleicht wie den Jüngern von Jesus, als sie an einem Abend bei der Überfahrt auf dem See Genezareth in einen Sturm gerieten und das Boot sich immer mehr mit Wasser füllte. Sie waren in großer Gefahr und Jesus schlief. In panischer Angst weckten sie ihn, der hinten im Boot – es klingt fast schon gemütlich- auf einem Kissen lag. Erst nachdem die Wellen beruhigt und damit die Gefahr vorüber war, fragte er die Jünger: „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr denn keinen Glauben?“ (vgl. Mark. 4, 35-41). Es ist die Selbstverständlichkeit des ruhigen Schlafens, die mich an dieser Geschichte immer wieder fasziniert. Ein solches selbstverständliches Gottvertrauen fordert Jesus von seinen Jüngern ein. Für mich steckt darin auch eine Zusage: Ja, ich kann beruhigt schlafen.

In diesem Gottvertrauen möchte ich viel öfter zur Ruhe kommen und mit dem Psalmbeter, König David, erleben: „Fürwahr, meine Seele ist still und ruhig geworden, wie ein kleines Kind bei seiner Mutter.“ (Ps. 131, 2)

Sarah Gugel, Leitung der Evang. Bahnhofsmission Freiburg

 


Juni

"So wenig das Feuer ohne Hitze und Rauch ist, so wenig ist der Glaube ohne die Liebe."

Es ist Ostersonntag. Zusammen mit der Familie fahren wir auf einen Bauernhof und wollen ein großes Osterfeuer erleben. Meine Neffen, fünf, sieben und neun Jahre alt, sind im wahrsten Sinne „Feuer und Flamme“. Ihre Leidenschaft für Vulkane, alles was brodelt, dampft und explodieren kann, inklusive dem, was es dazu an Berufsvorbildern, Baumaterial, Fahrzeugen und Medienformaten auf dem Markt gibt, zieht sie in Bann und damit stecken sie auch mich immer wieder an. Ein Regenschauer ergießt sich und lässt uns noch warten. Schließlich versammeln wir uns. Ein Mann macht sich mit einem beeindruckenden Gasbrenner an einem Haufen zu schaffen, der meine Körpergröße mindestens um ein zweifaches übersteigt. Wow. In Sekunden hat er den Haufen in Brand gesteckt. Schnell müssen wir die Bänke verrücken, auf denen wir noch kurz zuvor saßen – es ist unerträglich heiß, obwohl es um uns herum sehr kühl ist. Und mir macht diese Gewalt des Elements auch ein bisschen Angst. Ganz entspannt bin ich nicht, während ich den Kindern zusehe, die vor lauter Freude um das Feuer Runden rennen.

Ich muss an das Zitat von Luther denken. Das Element in dieser Größe zu erleben, ist faszinierend. Zumindest, wenn es kontrolliert zugeht. Dass das Feuer Gewalt hat, erlebe ich hier unmittelbar. Während ich die Hitze des Feuers fühle, frage ich mich, was es wohl heißt, dass der Glaube ebenso wenig ohne Liebe ist. Liebe - ein Wort mit einer gewaltigen Dimension.

Was ist das denn, diese Liebe? Ich spüre sie definitiv nicht immer. Es gibt Tage, an denen fühle ich mich geliebt, da ist das Leben schön. An anderen Tagen sieht das ganz anders aus. Da kostet alles Kraft, da ist das Leben nicht lustig. Das ist das Auf und Ab, das wohl zum Leben dazu gehört.

Aber wie ist es, wenn im Sturm das Feuer fast erlischt, du im Getöse der Krise den festen Boden noch suchst, aber nicht mehr findest? Wenn der Glaube, auf den man sich verlassen hat, enttäuscht wurde? Wenn Menschen, die du geliebt hast, nicht mehr da sind? Und das sogar aus eigenem Entschluss? Wenn ein großer Traum platzt? Wenn die eigenen Fragen und Probleme so groß werden, dass sie außerhalb der eigenen Reichweite scheinen? Wenn sich sogar gut geglaubte Freunde abwenden? Was kann der Glaube dann noch geben und was ist dann mit dieser Liebe, die anscheinend so untrennbar dazu gehört, wie Luther schreibt?

Wir scheitern alle an der Liebe, hat einmal eine Theologin gesagt. Das ist die schmerzliche Realität der Gebrochenheit unseres Lebens. Und erschreckender Weise auch von mir selbst. Es wiederspricht dem, was ich mir eigentlich wünsche und ersehne, zutiefst. Ich fühle, höre oder erlebe manchmal gerade, wenn ich es am meisten brauchen würde, schmerzlich lange nichts. Mir stellt sich die Frage, was ich eigentlich glauben oder hoffen will. Ein Zuspruch, ein Bibel- oder Liedvers hält mich dann über Wasser, in einem Moment hoffnungsvoller als im nächsten. Aber auch die Begegnung mit einem anderen Menschen, der den richtigen Ton für die eigenen Empfindungen trifft, sich Zeit nimmt und zuhört, kann eine Brücke zu einem neuen Vertrauen in Gott schlagen, mir ein Wegweiser zurück zu Jesus sein.

In Sprachlosigkeit, Gedankenlosigkeit und Leere sind gute Worte rar. Wenn ich mich wieder auf ihn einlasse, dann wird mir klar: Jesus ist kein Schwächling, der mich in irgendeiner Form brauchen würde - aber er will mich zutiefst. Er ist der einzige, dem ich mich nicht erklären muss, der ohne Kommunikationsgeschick versteht, was in mir vor sich geht und der uneingeschränkt zu mir hält. Der meinen Verstand übersteigt, den ich so oft für das Maß der Dinge halte. Der immer für mich hofft, der immer an mich glaubt. Der mich aushält. Genauso. Ungeachtet dessen, was mir die Menschen um mich herum spiegeln. Dass er mir Bruder in meinem Erleben in dieser Welt geworden ist, berührt mich und erreicht mich mehr, als ich zu träumen gewagt hätte. Er kennt die Höhen und Tiefen des Lebens aus eigener Erfahrung. Und dadurch erschließt sich mir seine geheimnisvolle Gegenwart.
Hitze und Rauch, das sind die Seiten am Feuer, die uns Menschen gefährlich werden können. Und auch diese Liebe kann uns im besten Sinne gefährlich werden: Wenn wir zulassen, dass Jesus uns beim Namen nennt, seinen Finger in die Wunde legt, dorthin, wo es um alles geht und alles auf dem Spiel steht, da kann sich mein Leben ändern und das Feuer zu einer gewaltigen und wunderschönen Kraft werden. Größer und heißer, als ich es jetzt noch erträumen kann.

C.K.

 


Mai

"Die Heilige Schrift ist ein wunderbares Kräutlein; je mehr du es reibst, desto mehr duftet es."

Sind Sie schon einmal durch einen Kräutergarten gewandert und haben hin und wieder ein Blatt oder einen Zweig zwischen ihren Fingern verrieben? Der jeweilige Duft haftet an den Fingern, riecht intensiver als manches Parfüm und er bleibt noch lange in der Nase. Kräuter haben unbestritten unterschiedliche Wirkungen auf den Menschen. Manchmal sind sie anregend, beruhigend oder entkrampfend. Manch einer schwört auf das Bad im Kräutersud oder sogar einer intensiven Aromatherapie.
Was will uns aber Martin Luther verdeutlichen mit diesem bildhaften Satz, dass die Bibel, je mehr man sie reibt, umso mehr duften würde? Wie soll das gehen?
Die Bibel ist ein sehr umfangreiches Buch, um nicht sprichwörtlich zu sagen, ein „Buch mit sieben Siegeln“. Die Bibel hat 66 einzelne Bücher, 1.189 Kapitel und 31.170 Verse. Wenn man sie ganz lesen wollte, benötigte man bei durchschnittlicher Lesegeschwindigkeit 60 – 70 Stunden. Die Ursprungssprachen der Bibel sind Hebräisch, Aramäisch und Griechisch. Luther selbst hatte sie während seiner Zeit auf der Wartburg ins Deutsche übersetzt. Er wollte, dass jeder Mensch die Bibel lesen kann, jeder sollte selbst verstehen, und Gottes Wort auf sich wirken lassen können. Jeder Mann und jede Frau sollte den  wahren „Duft“ der Heiligen Schrift riechen.
Ein wesentlicher Lehrsatz Luthers war auch das „Sola Scriptura“, das heißt „allein durch die Heilige Schrift“. Übertragen bedeutet es, dass der Mensch allein durch das Lesen der Bibel erfährt, wer Gott ist und wie Glaube funktioniert. Die Bibel, wollte Luther verdeutlichen, ist das einzige Fundament des christlichen Glaubens, sie ist die Handreichung schlechthin für gelingendes Leben und Miteinander.
Wie entsteht nun dieser Duft der Heiligen Schrift, wie ihn Luther in seiner bildhaften Sprache beschreibt?
Vielleicht dadurch, dass einzelne Verse oder Kapitel der Bibel für den einen oder anderen Menschen eine besondere, viel tiefere Bedeutung erhalten. Man könnte sagen, sie bekommen einen festen Sitz im Leben des Menschen. Z.B. erzählte mir eine Seelsorgerin aus dem Seniorenpflegeheim, dass viele Senioren den Psalm 23 auswendig können. Das Bild des guten Hirten, der durch tiefe Täler führt und selbst in feindlichem Terrain der Versorger bleibt, ist wohl für viele alte Menschen so existentiell, dass die Worte sich ganz tief in ihnen verankert haben und immer präsent sind.
Für mich löst ein Vers aus dem 2. Timotheus-Brief ein solch tiefes Empfinden aus: „Gott hat uns nicht den Geist der Angst gegeben, sondern den Geist der Kraft der Liebe und der Besonnenheit.“ In Lebenssituationen, die mir ein Gefühl von Angst und Sorgen bereiten, die mich vielleicht sogar lähmen wollen, kommt dieser Satz und öffnet meinen engen Raum, lässt mich durchatmen und macht mir bewusst, dass Gottes Geist nicht ein Geist der Angst ist, sondern einer der Kraft gibt, der mich zu Besonnenheit mahnt und zur Liebe befähigt.
Einzelne Verse, vielleicht Kapitel oder manche Geschichte der Bibel können eine ganz neue, intensive Bedeutung bekommen. Sie können Wegbegleiter sein oder sogar eine Art heilsame Kraftquelle. Und dadurch kommen sie wieder und wieder ins Bewusstsein, werden quasi innerlich gerieben und entfalten so ihren eigenen, individuellen Duft. Man könnte auch sagen, sie sind eine besondere Art der Aromatherapie.

Esther Seeger-Straub


 


April

Glaubensfreude und Spaßgesellschaft

Heiterkeit und Frohsinn ohne Einschränkung, so wünscht sich das Martin Luther, unser Reformator, in diesem Zitat auf die Jugend bezogen.

Für uns heute klingt dieser Aufruf selbstverständlich. Ist doch so: Wir leben in einer Spaßgesellschaft. Ein Event jagt das andere. Frohsinn und Heiterkeit müssen sein! DIE Messlatte im Leben, mehr denn je ein wichtiges Kriterium bei der Work-Life-Balance, wenn es um meine Lebensqualität geht. Egal, in welchem Altersabschnitt ich mich momentan befinde, aber natürlich auch als Jugendliche oder Jugendlicher.

Doch Martin Luther kannte es anders, damals in seiner Zeit. Er wusste sehr gut, wie schwer das alltägliche Leben war, in dem die Kinder und Jugendlichen wie kleine Erwachsene mit allen Kräften zum Überleben der Familie zu funktionieren hatten. Kein Gedanke an eine Spaßgesellschaft!
Aber es wäre nicht Luther, wenn in dem Aufruf zur Freude nicht seine Sicht von Lebens- und Glaubensrealität durchscheinen würde.

Er benennt drei Konsequenzen aus dem reformatorischen Glauben: Freude, Trost und Friede.
An erster Stelle nennt er klar die Freude, den Frohsinn und die Heiterkeit, die daraus hergeleitet werden. Und da sind wir wieder auch ganz im Hier und Jetzt unserer Zeit. Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass man ganz ausdrücklich betonen muss: Glaube macht Freude! Bitte verstehen Sie mich recht. Ich sage nicht: Glaube darf – auch – Freude machen. Das wäre ja schon wieder eine Einschränkung.

Nein, Glaube macht Freude! Für Luther war DIES ganz eindeutig und selbstverständlich: Wer von Gott gerecht gesprochen ist, der hat nämlich allen Grund, sich zu freuen. Ohne Wenn und Aber!  Es ist die Freude der Erlösten, der Befreiten. Etwa so, wie man sich freut, wenn einem ein schwerer Stein vom Herzen gefallen ist und man nun befreit aufatmen und leben kann.

Diese drei Merkmale, voran die Freude, der Frohsinn und die Heiterkeit haben das Potential der Ansteckung. Sie sind die Merkmale gelebten Glaubens. Mit unserer Ausstrahlungskraft, die Nahrung bekommt durch den Frohsinn und die Heiterkeit, geht der Glaube, den wir ja sonst irgendwo im Inneren des Menschen ansiedeln, nach außen und wird sichtbar.

Unser Kalenderblatt für April mit dem Foto des Jugendchors sagt eigentlich alles. So bekommt die Botschaft der Liebe Gottes für unsere Welt ein Gesicht. Der rechtfertigende Glaube bleibt niemals für sich selbst, sondern wirkt nach außen das Tun des Gerechten. Auf diese Weise setzt sich Gott in dieser Welt durch, und zwar als der, der ALLEIN der Rechte ist und das Rechte wirkt.

Der von Gott gerechtfertigte Mensch lebt unter einem neuen Horizont. Er lebt nicht auf Wolke 7, auch nicht im Wolkenkuckucksheim, aber dennoch wie im Himmel, im „himmelfarbenen Feld“ des Lebens.
Und das schon jetzt. Das ist der Punkt: Christlicher Glaube vertröstet sich nicht auf später, sondern sieht schon jetzt das neue, zukünftige Leben im Anfangen begriffen, für jeden Menschen. Freude, Frohsinn, Heiterkeit, und welche anderen Synonyme wir auch finden mögen, spannen den Bogen von der Jugend als hoffnungsfrohe Ansteckung in diese Welt hinein. Lassen wir uns alle, egal wie alt oder jung wir sind, davon anstecken!

Ruth Kummetz

 


März

Ein verzweifeltes Lied gegen die Angst

Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind mit Ernst ers jetzt meint;
groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.


Hier spricht jemand, den das Leben mit voller Härte getroffen hat. Luther war schwer krank, sein bester Freund wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt, die Pest bedrohte seine Familie und seine Thesen, für die er so viel geopfert hat, wurden nicht anerkannt. In all dieser unvorstellbaren Not ging Luther zu dem einem, der versprochen hat, „uns niemals zu verlassen“: zu Jesus Christus.

Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren;

Luther hat erkannt, dass die Macht von uns Menschen sehr begrenzt ist. Resigniert er hier? Nein, er sieht eine grundlegende Wahrheit, vor der viele Menschen die Augen verschließen: Wir haben vieles, was geschieht, nicht in der Hand, und das Leben auf der Erde ist zeitlich begrenzt.

es streit' für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist?
Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott, das Feld muß er behalten.


Luther resigniert nicht. Er sieht Jesus Christus, der uns zugesagt hat, „dass er uns niemals verlassen wird“. Christus ist es, der an deiner Seite steht und der an vorderster Front für dich kämpfen wird. Bei Christus sind wir geborgen, bei ihm kommt unser unruhiges Herz zur Ruhe. Wir sind nicht alleine auf diesem Erdball, es gibt einen Gott, der größer ist als unser kleines Denken, und der uns ruft, dass wir endlich zu ihm kommen.

Und wenn die Welt voll Teufel wär, und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen. Der Fürst dieser Welt, wie saur er sich stellt, tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht':Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Mit starken Worten beschreibt Luther eine Realität, die oftmals nicht gerne gesehen wird. Er beschreibt eine Macht, die das Ziel hat, den Menschen zu zerstören und davon abzuhalten, Jesus Christus kennen zu lernen.  Die Bibel nennt diese Macht auch den „Vater der Lüge“. Aber Luther weiß, wie wir dieser Macht entgegentreten können – „ein Wort wird ihn zu Fall bringen“. Das Wort ist Jesus Christus, er hat gesiegt über den Teufel ,und Luther weiß „das Jesus seine feste Burg ist“.


Wie geht es Ihnen?

Kennen Sie solche Zeiten, in denen die Angst in Ihrem Herzen groß ist? Erleben Sie, dass die Angst Ihnen den Lebensmut nimmt? Mir hilft es in solchen Situationen, wenn ich mich mit einem Gebet an Jesus wende.

Versuchen Sie es – mit ihren eigenen Worten, oder, wenn es Ihnen leichter fällt, mit einem vorformulierten Gebet. Zum Beispiel mit diesem:

Vater im Himmel, ich komme zu dir im Namen Jesu. Ich glaube, dass du da bist und mich hörst, wenn ich zu dir rufe. Heute rufe ich zu dir um Hilfe und setze mein Vertrauen auf dich. Ich bitte dich darum, mich von der Angst in meinem Herzen zu befreien und dass du dich mir offenbarst. Du allein kennst mein Leben und weißt, was mich belastet. Rede zu mir und mache mein Herz ruhig.

Ich möchte Ihnen Mut machen, nicht alleine mit dieser Angst zu bleiben. Kennen Sie einen Christen in Ihrer Nähe, dem Sie vertrauen? Haben Sie den Mut und sprechen Sie ihn an, denn „was ans Licht kommt, das wird Licht“.

Armin Rüde

 


Februar

Behalte dein Singen, Tanzen und Pfeifen nicht für dich!

Musik kann man nüchtern betrachtet als eine Abfolge von Tönen definieren, egal ob jene Töne schräg, rein, harmonisch, oder sonst wie an unser Ohr dringen. Was die Musik betrifft, zähle ich allerdings zu den völlig Berauschten und niemals zu den Nüchternen. Es beginnt bei den aufgeregt kommunizierenden Vögeln, die im Frühling durch mein offenes Dachfenster zwitschern. Ich gebe Luther uneingeschränkt Recht, dass es sich bei der Musik um ein Geschenk handelt, das darüber hinaus eine enorme Wirkung auf unser Allgemeinbefinden hat, da es den Teufel vertreibt, wie Luther es formuliert. Wenn ich mir bewusst mache, wie viele Menschen an Depression leiden, oder qualvolle Erfahrungen damit hinter sich haben, dann frage ich mich: wo ist die Musik geblieben? Wo ist die authentische eigene Melodie abgeblieben? Was hat sie verstummen lassen? Hat sie in diesem Zusammenhang tatsächlich eine heilende Berechtigung, die Anreihung von Tönen? JA, hat sie! Ich will mich nicht bei Krankheitsbildern aufhalten, sondern Dich fragen, wie steht es um Deine Lieder? Singst Du? Pfeifst Du? Ist es ausschließlich ein Privileg Deiner Duschkabine, Dich dabei zu hören? Da ich Tag für Tag mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin, habe ich es mir zur lieben Gewohnheit gemacht, Menschen zu betrachten. Viele tragen Stöpsel in den Ohren und ein Großteil lässt Musik in den Kopf zischen. Ich auch. Was ich dabei allerdings nicht schaffe und gar nicht schaffen will, ist die Tatsache, dies stoisch in mich aufzunehmen, so dass die Umwelt nicht unterscheiden kann, ob ich gerade einem hochwissenschaftlichen  Vortrag über die Finanzkrise oder der Warnung vor einem Falschfahrer im Verkehrsfunk folge, oder aber Musik höre. Kaum jemand bewegt die Füße im Takt. Ein Lächeln oder gar ein strahlendes Gesicht ist als Rarität zu verbuchen. Da frage ich mich erschrocken und ernsthaft, was bei uns quer läuft. Irgendwann habe ich angefangen, ordentlich den Takt anzugeben, den Kopf samt Lächeln rhythmisch in Bewegung zu bringen. Am Bahnsteig habe ich regelmäßig die Fantasie, wie es wohl wäre, wenn jetzt laut Tangomusik ertönen würde. Wie würden wir wohl reagieren? Ordentlich irritiert, behaupte ich mal. Das sind unsere gesellschaftlichen Blockaden, die nicht gerade das Berauschen fördern, sondern alles brav kontrolliert vonstatten gehen lassen. Den Teufel vertreibt man nicht durch Passivität, sondern durch das Öffnen der körperlichen und geistigen Schleusen. Musik paart sich mit Bewegung und bewegt etwas in unserem Denken. Unbedingt ausprobieren! Du wirst den Unterschied spüren! Behalte dein Singen, dein Pfeifen und Tanzen nicht für dich, sie sind Vitalitätsmerkmale und wollen mit-geteilt  werden! Straßenmusiker zum Beispiel sind für mich Inseln, geschenkte Freudenspender. Beobachte Dich selbst. Wie reagierst Du auf diese Oasen? Ich steuere freudig auf sie zu, reihe mich ein in den Kreis der Hörenden, der Summenden, der Schwingenden, der Lachenden und gehe danach anders durch die Straßen Freiburgs weiter. Ich partizipiere an einem Geschenk, das quasi auf der Straße liegt. Hast Du Straßenmusiker schon mal als Wellnessabgeordnete begriffen? Luther hat. Ich auch. Und Du?

Claudia Pflaum

 


Januar

"Beten heißt: Gott den Sack vor die Füße werfen."

Manchmal, in einer Zeit zwischen Termin und Folgetermin, zwischen dem Surren meines Handys, das eine neue Nachricht meldet und dem Treffen mit Freunden; manchmal, zwischen dem Wickeln meiner Tochter und dem Aufräumen ihrer Spielsachen, zwischen dem Kurzupdate zwischen Tür und Angel mit meinem Mann und inmitten all der beruflichen Arbeit, dem allgemeinen Termindruck, den ganzen Aktivitäten – ja, bisweilen, in einer ruhigen Minute, überwältigen mich meine Gefühle.

Gedanken, die ich zurückgehalten habe, weil mein Alltag und mein voller Terminkalender es nicht zugelassen haben, poppen plötzlich wieder auf. Sorgen, die ich vielleicht versucht habe, so weit wie möglich von mir zu schieben, kommen wie ein Bumerang zurück. Das sind Momente, die nicht nur mir vertraut vorkommen: Wir alle kennen solche Situationen. Wir denken, wir fühlen, wir arbeiten, wir bemühen uns. Tag für Tag. Wir debattieren und wir versuchen, die Dinge, die wir für besonders wichtig halten, in prägnante, manchmal witzige, manchmal zum Nachdenken anregende Sätze zu formulieren, um miteinander zu kommunizieren. Um eine Aussage zu treffen. Um etwas zu hinterlassen. Um irgendwie darüber hinwegzukommen, dass unser Leben nicht immer so einfach ist, wie wir es gerne hätten.

Und dann kommt da einer (nebenbei bemerkt: ein Jemand, der nun schon Jahrhunderte tot ist) und spricht einen so vermeintlich einfachen Satz: Beten heißt: Gott den Sack vor die Füße werfen. Ein Ausspruch, der für jemanden, dem das Beten im Alltag fremd ist, ungewöhnlich, vielleicht sogar empörend klingen mag. Für uns Christen bedeutet es vor allem das: Wir sollen beten. Beten ist die Verbindung zu Gott, die wir uns ersehnen. In der Bibel gehört das Gebet untrennbar zu einem Leben in der Beziehung zu Gott. Wir müssen sie nur wollen, diese Beziehung. Das Schöne dabei ist – und das hat Luther mit seiner Aussage wunderbar auf dem Punkt gebracht: Wir sind willkommen.
 
Gott lädt uns ein, all die Dinge, die wir nicht verstehen, die uns drücken oder belasten, abzuwerfen. In Gottes Hände. Vor Gottes Füße. Wie ein Kugelstoßer, der sein Gewicht weit von sich stößt. Sorgen, die man im Gebet teilen kann. Schwere und Leid, die man loswerden darf.  Man darf sich geborgen fühlen, sich fallen lassen. Gott kann ich alles anvertrauen: meine Ängste, meine Sorgen, meine Nöte. Nur ER kennt mein Herz besser, als ich es wahrscheinlich je kennen werde.

Beten heißt: Gott den Sack vor die Füße werfen.
Last abwerfen.
Durchatmen.

Und dann … ist da noch die andere Seite. Die Lebensfreude. All das Gute, das uns auf unserem Weg widerfährt. Das Leben ist voller Spannungen, Stolpersteine und Hürden. Aber wenn Gott mein Leid teilt, wenn Gott die Last von meinen Schultern nimmt, dann möchte ich ihn auch an meinen Freuden und der Liebe, die ich erfahre, teilhaben lassen. In Dankbarkeit in Verbindung mit Gott treten, nicht nur aus der Besorgnis heraus.

Und so sammle ich schöne Momente. Kleine Wunder. Alles in einem Sack, der neben dem schweren Sack auf meinen Schultern liegt. Ein Sack voller Freude, der mir schon im Alltag die Last der Sorgen ein wenig nimmt. Und wenn ich dann bete, binde ich diesen lebensbejahenden Beutel auf – und werfe ihn jubelnd vor Gottes Füße. Was daraus hervorkommt, ist manchmal so sanft wie ein Heißluftballon, der höher und höher in den Himmel steigt – oder überschäumend wie ein Meer aus Glückseligkeit. Und je mehr ich von dem Guten spreche, das geschieht, je mehr ich hoffe und bete, umso mehr wird die Last in meinem Herzen verdrängt.

Beten heißt: Gott den Sack vor die Füße werfen.
Und ich bin eingeladen. Ich darf beides werfen: Den Sack voller Sorgen, um meinen Ärger, meine Last, meine Zweifel loszuwerden. Und den Sack voller Freude, der mir immer aufs Neue beweist, dass Gottes Liebe mich umgibt. Im Gebet finde ich die Verbindung zu Gott. Und den Weg zurück zu mir. Denn der Herr kennt mein Herz besser, als ich es wahrscheinlich je kennen werde.

Alina Cherubim

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